Grenzt das Internet an „Körperverletzung“?

Frank Schirrmachers umstrittene These in der Diskussion

Kolumne von Gudrun Porath

Vor einer Überforderung des Menschen durch das Internet und einer fast pathologischen Zunahme von Konzentrationsstörungen warnt Frank Schirrmacher, der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Obwohl die Menschen mehr als je zuvor wüssten, fürchteten sie sich trotzdem unaufhörlich, das Wichtigste zu verpassen. Menschen seien Informationsfresser geworden, die leider nicht mehr unterscheiden könnten, was bedeutsam sei und was nicht. Die Koexistenz von Mensch und Computer führe zum Sieg der künstlichen Intelligenz. Ausgehend von Gesprächen mit Internet-Experten und Vertretern der modernen Psychologie ist sich Schirrmacher sicher, dass sich schon in den nächsten Jahren das Selbstbild des Menschen wandeln werde. Zu diesem Thema hat er im November 2009 im Karl Blessing Verlag ein Buch veröffentlicht. Es heißt „Payback: Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“. Die Kernaussagen des Buches sind:

  1. Das Internet hat unser tägliches Leben so stark verändert, wie die Industrialisierung das Arbeitsleben.
  2. Mobiltelefone und Computer zwingen zu einem Multitasking, das den modernen Menschen überfordert und krank macht.
  3. Die überbordende Fülle und die Unkontrollierbarkeit der sozialen Netzwerke sind eine Art „Körperverletzung“.
  4. Multitasking hindert den Menschen an der Ausübung seiner eigentlichen Fähigkeiten wie kreativ sein, spontan sein und etwas beurteilen zu können.

Schirrmachers Lieblingsthema ist die Gefahr, die die Algorithmen von Suchmaschinen wie Google darstellten. Dadurch würden Ergebnisse vorherbestimmt, die den Sucher in seiner Entscheidungsfreiheit beschränkten. Wer Schirrmacher live erleben will und Lust hat, mit ihm über die dunklen Seite des Google-Zeitalter zu diskutieren, kann ihn am Dienstag, den 12. Oktober 2010, als Keynote-Speaker auf der „Professional Learning Europe“ (PLE) erleben. Die PLE, ein europäischer Fachkongress für E-Learning, Wissensmanagement und Personalentwicklung, der vom 12. bis 14. Oktober stattfindet, ist ein Begleitkongress der Messe „Zukunft Personal“ in Köln.

Die Kritiker sind sich einig: Schirrmacher hat kein abwägendes Sachbuch, sonder eine Streitschrift gegen das Internet veröffentlicht. Er betrachtet die digitale Welt ausschließlich aus dem Blickwinkel einer Person, die das Geschehen als Beobachter erlebt. Wer sich selbst nicht in den Netzwerken bewege, der fühle sich eben schnell überfordert. „Mit seinem Buch outet sich Herr Schirrmacher als fremdelnder Netzwerk-Besucher, als Zaungast, der einer wilden Party gleichermaßen neugierig wie irritiert aus der Ferne zuschaut“, urteilt Dr. Peter Kruse, der bekannte Bremer Psychologieprofessor und Experte für Komplexitätsverarbeitung.

In der Süddeutschen Zeitung wirft Kruse Schirrmacher vor, er konstruiere einen überflüssigen Gegensatz zwischen den Netzen und den Nutzern. Mit der sozialen Software des Web 2.0 habe ein derartiger Gegensatz seine Gültigkeit aber eingebüßt. „Das Netz ist kein schrilles Informationsmedium mehr, das man vorsichtig nutzen sollte, sondern es ist selbst zu einem faszinierenden Kommunikations- und Lebensraum geworden, den es zu erkunden und mitzugestalten gilt“, erklärt Kruse. „Das Internet ist nur dann eine Zumutung, wenn man versucht, es im Griff zu haben. Ansonsten ist es ein echter Turbolader für überindividuelle Prozesse.“ Eine Verweigerung, am Geschehen in den Netzen teilzunehmen, ist laut Kruse so töricht, wie jede Verweigerung der Teilnahme an sozialer Gemeinschaft.

Kruse empfiehlt bei einer Diskussion über das Internet Folgendes zu beachten: Das Internet ist ein Gehirn aus vielen Gehirnen – sehr dynamisch und komplex, unkontrollierbar und überraschend, aber auch mit einer immanenten Tendenz zur stabilen Musterbildung. Die überbordende Fülle und die Unkontrollierbarkeit der Netze sind ein wünschenswerter Schutz vor Manipulation und keineswegs eine „Körperverletzung“.

Ein Interview zum Thema hat Frank Schirrmacher im Mai 2010 dem Journalisten Peter Voß auf 3Sat gegeben.

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6 Responses to “Grenzt das Internet an „Körperverletzung“?”

  1. Ingo Frost sagt:

    Spannend auch aus Sicht der Wikipedia: Dort findet ständig ein Lernprozess statt – Wie verhält man sich in einem Raum in dem es per Definition keine Autorität gibt, also der Beitrag von Prof.Dr. von HinzUndKunz auch wieder gelöscht werden kann? Neue mediale Räume verlangen soziale Lernprozesse, die Zaungäste nur schwer erfassen können.

    Die 4. These, dass Menschen davon abgehalten werden kreativ zu sein finde ich kaum haltbar, denn das Internet ist die größte Ideensammlung (sammt Umsetzung, z.B. in Form von Wikipedia oder eine Unmenge an Freier Software) die wir je hatten. Kreativität und Wissen hängen auch eng zusammen und Wissen war nie so vielen Menschen zugänglich wie heute durch das Internet (z.B. durch die Open Access-Bewegung).

    Was die Informationsflut anbelangt: Auch hier gab es schon immer soziale Methoden damit umzugehen (also z.B. nicht selbst versuchen den besten Handyvertrag zu finden, sondern mit Freunden sprechen, die gerade selbst dazu recherchiert haben). Solches Wiederverwenden oder gar Professionalisieren von Recherche-Prozessen werden sicher immer notwendiger…

  2. Ich finde die Reduktion des Information Overload auf das Thema Internet befremdlich.
    Zuboff/Maxmin haben schon vor Jahren http://www.thesupporteconomy.com verfasst:
    !!“women as history’s shock absorber“!!
    Diverse Autoren haben Zeit als die neue Währung bezeichnet und
    Familien-ManagerInnen wissen recht gut um ‚Den Alltag‘, vgl.
    http://ed.iiQii.de/gallery/search.php?searchstring=heimatfront
    http://ed.iiQii.de/gallery/Querdenkerinnen/TanjaBusse_wdr_de
    http://ed.iiQii.de/gallery/Querdenkerinnen/Marie_LuiseLewicki_eltern_de
    etc. etc.

    Ich habe zu den diversen diesbezüglichen Artikeln in der SZ einen Leserbrief verfasst, 21.07.10:
    Nicholas Carr: Den digitalen Faden verloren, 13.07.
    Steven Pinker: Digital macht nicht dümmer, 05.07.
    Axel Rühle: Redakteur Robinson auf der Offline-Insel , 20.07.
    Interview mit Maryanne Wolf: „Sorgen Sie für ein Haus voller Bücher!“, 16.07.

    Die zentralen Argumente: Man wird durch Internet-Nutzung nicht dümmer, Bsp. erfolgreiche Wissenschaftler
    und: ‚Das Steinzeit-Robinson-Verhalten führt zu unerträglicher Mehrbelastung anderer‘ sind m.E. vollkommen richtig.
    (Brillante Forscher können(!) trotzdem stupide, kommunikations-gestörte Technokraten sein).

    Zweifelsfrei leisten ‚Internet & digitale Werkzeuge & Medien‘ einen großartigen Beitrag zu unserer hochentwickelten Gesellschaft
    und sind wie (fast) alle andern technologischen Errungenschaften nicht mehr wegzudenken.

    Es handelt sich auch nicht um ein Ja oder Nein sondern um einen vernünftigen Umgang.
    Frank Schirrmacher hat in Payback sehr anschaulich geschildert, daß die Tochter der Huffington-Post Chefredakteurin
    ein Blackberry bekommt um besser bzw. ‚überhaupt‘ mit ihrer Mutter kommunizieren zu können.
    Die Frage ist: Wollen wir das?

    Wegzudenken sind sicherlich auch nicht die Beiträge einer ganzen Reihe von Hirnforschern
    wie Gerald Hüther, Ernst Pöppel, Detlef Linke, Gerhard Roth, Wolf Singer / Mathieu Ricard,
    die gerade auch die kindliche Gehirnentwicklung thematisieren.
    Daniel Goleman spricht immerhin von einem Massen-Experiment mit ungewissem Ausgang,
    weil die heutigen Erwachsenen eben noch ‚herkömmlich‘ erzogen wurden.

    Das heutige Gehirn wurde in Zeiträumen von Millionen Jahren entwickelt und es wäre fatal zu glauben,
    daß die Verarbeitungskapazität des Gehirns nur deswegen gestiegen ist, weil heute mehr Informationen zur Verfügung stehen.
    Der Zeit-Aspekt ist schliesslich nicht wegzudenken. Der Tag hatte früher auch nur 24 Stunden.
    In der Zeit, in der man sich mit SMS, Updates etc. beschäftigt konnte man sich früher mit Dreisatz, Philiosophie etc. auseinandersetzen.
    Tanjev Schultz weist deshalb zurecht darauf hin: Wie soll das alles gehen, bei gleichzeitiger Schulzeitverkürzung?
    Das Gras wächst nicht schneller wenn man daran zieht, argumentiert Remo Largo.
    Niemand würde heute mehr argumentieren, daß man immer mehr Informationen oben reinkippt und unten TOP-Bildung rauskommt.

    Mahzarin Banaji, wie Pinker bei edge.org aktiv, thematisiert in ihren psychologischen Experimenten die Wahrnehmung.
    Eklatante Ignoranz hersche z.B. bei Rassismus und Ausgrenzung vor, !nicht aus moralischen Gründen!

    Es fehlt ganz einfach an der Wahrnehmung ‚Der Anderen‘ und der vielen ‚menschlichen‘ Dinge,
    die nicht in Zahlen, Tabellen und Folien fassbar und auszudrücken sind.

    Nicht nur Personaler, Geschäftsführer und Lehrer wissen, daß ’selbstverständliche‘ Dinge nicht sitzen bzw. vergessen werden,
    wenn man sie länger nicht mehr geübt & gebraucht hat.
    Auch die Rolle der Muße und des Schlafes zur Festigung des Gelernten ist heute zweifelsfrei erwiesen.

    „Nach der jüngsten Ausbildungsstudie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) organisiert mehr als die Hälfte der Firmen in irgendeiner Form Nachhilfe für die Auszubildenden. Das Spektrum reicht von *Bruchrechnen und Dreisatz*, deutscher Grammatik und englischer Konversation bis hin zu Teambildungskursen, die auch klassische Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Ordnung und Disziplin fördern sollen.“
    (Nachhilfe für Neulinge, SZ, 10.07.10)
    Eben!

    Unsere Gehirne sind -in aller Regel- nur zu einer bestimmten Verarbeitungskapazität in der Lage:
    http://ed.iiQii.de/gallery/Science-TheOnlyNews/JoshuaDGreene_edge_org
    http://ed.iiQii.de/gallery/Science-TheOnlyNews/DavidPizarro_edge_org
    http://ed.iiQii.de/gallery/search.php?searchstring=dreisatz

    Irgendwas muss ‚hinten runter‘ fallen.

  3. D. Lux sagt:

    Im großem Interesse habe ich diesen Artikel gelesen.

    Die „Körperverletzung“ durch Verlust der Unterscheidung von Bedeutsamen und Zweckdienlichem, durch Informationsflut und -stress stimme ich völlig zu. Kurz gesagt verdummt der Mensch. Und stresst sich dabei noch.

    Die Beurteilung der sozialen Netzwerke teile ich nicht, da sie für mich völlig der Natur des Menschen folgen und lediglich das Gespräch aus dem Stiegenhaus und beim Greißler jetzt wieder neu – in Facebook beispielsweise – ermöglicht.

    lg DL

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