Vom Wissen zur Weisheit: Das große Versagen?

Kolumne von Ingo Frost / Projektleiter der Community of Knowledge und Betreiber des Blogs WikiCiety

In Vorbereitung zu unserem Call for Papers über die Zukunft des Wissensmanagements habe ich mit meiner Kollegin Daphne Gross über potentielle Themen diskutiert: Ihre Bemerkung, dass Wissensmanagement vielleicht gar keine Zukunft haben könnte, empfand ich als völlig abwegig. Einige Wochen später stellte ich mir die Frage, ob wir überhaupt in einer Wissensgesellschaft leben, denn die hätte ja den Anspruch neues Wissen zu nutzen und wenn nötig in Handeln zu übersetzen, oder?

1972 hat der Club of Rome seine bekannte Studie über die Grenzen des Wachstums veröffentlicht. Der junge, ideologisch völlig unbefleckte Ökonom Dennis Maedows entwickelt gemeinsam mit anderen ein „Welt-Modell“ auf Basis einer mathematischen Systemanalyse. Die simple Schlussfolgerungen:

  1. Wir verbrauchen zu viele Ressourcen,
  2. wenn wir weiter so machen folgen Ressourcenengpässe und große Krisen –
  3. wir müssen uns auf ein nachhaltiges Wirtschaften umstellen.

Andere Wissenschaftler kritisierten zwar das Modell, aber die generelle Aussage wurde bis heute nicht widerlegt. Das Wissen ist vorhanden, es wird publiziert aber nicht genutzt um Änderungen durchzusetzen.

2004 erstellt der Club of Rome eine Nachfolgestudie, in der rückblickend die Vorhersagen bestätigt werden. Gleichzeitig zeigt er auf, dass es für eine Wende zu einer nachhaltigen Lebensweise eigentlich schon zu spät ist. Selbst nach diesem erschreckenden Ergebnis werden in der Gesellschaft keine Änderungen diskutiert. Die aktuelle Bundesregierung schwärmt vom weiteren Wirtschaftswachstum und beschließt ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz. In Kopenhagen wird zwar über Klimawandel und Emissionsreduktion diskutiert, aber die Ursache für Klimawandel (zu hoher Verbrauch von fossilen Ressourcen) schlichtweg ignoriert.

Was wie eine große abstrakte, gesellschaftliche Problematik klingt, lässt sich im Kleinen in vielen Konzernen beobachten: Einzelne Experten verfügen über fundamental wichtiges Wissen, kommunizieren dies, aber das Handeln wird daraufhin nicht umgestellt. Zwar geben Experten von VW im Interview zur Zukunft der Mobilität zu, dass für innerstädtischen Verkehr in den nächsten Jahrzehnten nicht genug Treibstoff für Autos vorhanden sein wird und empfehlen Elektroroller und Fahrräder (!)  als Lösung. Dennoch sind die Straßen Berlins voll mit Touaregs und die Bundesregierung muss die Abwrackprämie erfinden, um den Absatz zu steigern. Auch VW bleibt beim Traum vom Volkswagen und entwickelt keine Vision für Volksroller oder Volksräder. Andere Autokonzerne stecken plötzlich auch in der Krise und haben bis heute keine adäquate Anpassungsstrategie. Das ist auch aus einer rein wirtschaftlichen Perspektive unlogisch, wenn man die langen Entwicklungszyklen neuer Fahrzeuge betrachtet. Hohe Investitionen, die sich nur über Jahrzehnte hinweg auszahlen drohen unrentabel zu werden.

Wie passt das zusammen: professionelles Wissensmanagement und die Unfähigkeit Wissen tatsächlich zu nutzen und das Handeln entsprechend anzupassen? Konzentriert sich Wissensmanagement nur auf die kleinen Verbesserungen und Erfahrungen und nimmt dabei an, dass alles andere stabil ist und sich nicht ändert? Erhält das Wissen und Warnen einzelner Experten keinen Einzug in die Konzernstrategie? Wie kommt dieser Mechanismus zustande Wissen lange und vehement zu ignorieren, bis es dann (fast) zu spät ist?

Nachtrag 21.12.: Im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik diskutiert Ralph Bollmann (TAZ) „Die Tücken der Klimareform“. Er schreibt „Der Weltgipfel ist an einem Missverständnis gescheitert. Denn der Kampf gegen die Erwärmung ist Politik, nicht Wissenschaft.

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18 Responses to “Vom Wissen zur Weisheit: Das große Versagen?”

  1. Holger Rhinow sagt:

    „Wie passt das zusammen: professionelles Wissensmanagement und die Unfähigkeit Wissen tatsächlich zu nutzen und das Handeln entsprechend anzupassen?“

    Wenn VW-Experten beschreiben, dass die Zukunft der Mobilität bei Rollern und Fahrrädern liegt, dann sind das nicht die Stimmen aller Mitarbeiter, sondern nur die eines Teils von über 350.000 VW-Mitarbeitern weltweit. In einem derartig großen Unternehmen werden sich zu jedem Thema eine unglaubliche Vielzahl gegensätzlicher Meinungen finden lassen. Und diese Meinungsvielfalt muss ein Unternehmen wie VW auch aushalten können. Da wird es nicht weiterhelfen, gewissen Meinungen stärker zu gewichten oder quasi als „Wahrheit“ zu verordnen, es hilft nur, immer wieder sich der Diskussion zu stellen und darauf zu vertrauen, dass die „besseren Argumente“ sich durchsetzen. Zudem kann es kontraproduktiv sein, ein gewisse Gruppe zu Experten einer Sache zu machen, und damit viele andere von der Diskussion auszuschließen.

    Veränderungsprozesse geschehen nicht über Nacht, sondern brauchen Zeit. Die Einschätzung, dass Berlins Straßen von großen Geländewagen belagert sind, kann man haben. Man kann aber auch sehen, dass sich heutzutage mehr Menschen denn je von ökologischen Aspekten bei der Kaufentscheidung für ein Auto beeinflussen lassen – ein ziemlich sichtbares Zeichen dafür, dass Veränderungen (in Gesellschaft so wie in Unternehmen) stattfinden.

  2. Ingo Frost sagt:

    @Holger: In der Tat finden sich viele Meinungen zu diesem Thema. Eine Debatte über Wahrheit würde das Problem leider auch nicht lösen. Manchmal findet man fernab von Meinungen und Ideologien recht einfache physikalische Fakten, die man zwar ignorieren, aber nicht widerlegen kann. Die Illusion des „Volkswagen“ scheitert an solchen physikalischen Fakten: Würde man auch auf anderen Kontinenten auf die Idee kommen, dass jeder ein Auto haben sollte, bräuchten wir definitiv eine zweite Erde, um dafür genug Ressourcen (z.B. Erdöl, Raum für Straßen usw.) zu haben.

  3. Hannes Lenke sagt:

    Wissensmanagement bedeutet für mich als Laien, dass jeder der Wissen braucht die Möglichkeit hat an dieses zu Gelangen. Es bedeutet nicht Menschen von einer Wahrheit zu überzeugen. Noch viel weniger bedeutet für mich gutes Wissensmanagement Wahrheiten zu schaffen und Unternehmensstrategien direkt zu verändern.
    Alle Fakten die du zum Thema Umwelt/Nachhaltigkeit etc. aufgezählt hast sind seit Jahren frei zugänglich. Jeder der dieses Wissen braucht hat die Möglichkeit es zu erlangen, daran scheitert es ja auch gar nicht.
    Was du im Grunde genommen kritisierst ist doch die mangelnde Kommunikation dieses Wissens, oder vielleicht sogar die mangelnde Akzeptanz der „Fakten“. Dafür ist aus meiner Sicht aber nicht unfähiges Wissensmanagement verantwortlich.

    Liebe KM Experten berichtigt mich wenn mein Verständnis von KM falsch ist!

  4. Holger Rhinow sagt:

    Wissen ist ja auch immer eine Art Zumutung. Zumutung für diejenigen, die sich mit dem Wissen anderer auseinandersetzen sollen. Oftmals schwingt da die Aufforderung mit, sein Verhalten zu ändern, wie Ingo es ja in dem VW-Beispiel angedeutet hat. Nur derartige Entscheidungen lässt sich nun mal niemand gerne abnehmen, besonders wenn sie gelebte Strategien in Frage stellen.

    Hierin liegt wahrscheinlich die größte Herausforderung des Wissensmanagement. Wie kann Wissen so kommuniziert werden, dass die Zumutung und damit auch die Ablehnungschance niedrig bleibt.

  5. Tweets die Vom Wissen zur Weisheit: Das große Versagen? « Community of Knowledge: Blog zum Relaunch erwähnt -- Topsy.com sagt:

    […] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von pumacy und CommunityOfKnowledge, CommunityOfKnowledge erwähnt. CommunityOfKnowledge sagte: Neuer Blog Eintrag: Vom Wissen zur Weisheit: Das große Versagen? http://bit.ly/4YYoUb […]

  6. Steffen Müller sagt:

    Ich halte das Konzept des Wissensmanagement in Unternehmen nicht für ausreichend, um gesellschaftliche Probleme zu lösen. Wissensmanagement wird als Methode auch nicht für die Lösung von Problemen dieser Art angewendet, sondern in Unternehmen zum Zwecke der Rationalisierung im Sinne zweckmäßigen Gestaltens eingesetzt. Das Management möchte das Wissen beherrschbar und damit kalkulierbar und lenkbar machen. Die Rationalisierungstendenz der Moderne macht offenbar auch nicht vor der „Ressource“ Wissen halt – mit all seinen unbequemen Konsequenzen. Rationalisierung und im weiteren Sinne Rationalität sind aber nicht gleich Vernunft. Ein im gesellschaftlichen Sinne nachhaltiges Wirtschaften mag vernünftig sein – für eine Unternehmensbilanz jedoch, die sich an Quartalszahlen orientiert, erscheint es möglicherweise als nicht zweckmäßig. Unternehmen wissen um die ökologischen Probleme, sind aber durch die herrschenden Regeln des Wirtschaftssystems dazu gezwungen, ökonomischen Ziele zu folgen. Ökologisch förderliche Aktivität ist nur im Rahmen ihrer Wirtschaftlichkeit möglich. Ein radikaler Wandel, wie er zum Beispiel von Klimaforschern gefordert wird, lässt sich so aber nicht umsetzen.

    Die Schirmherrschaft der Ökonomie gilt jedoch nicht nur für Unternehmer. Auch die „Verbraucher“ sind in ähnlichen Denkstrukturen verhaftet. Wider besseren Wissens werden Fahrzeuge lieber verschrottet als repariert. Schließlich gibt es vom Staat zusätzliche finanzielle Mittel, die sich auf der Einnahmenseite verbuchen lassen. Was zählt ist das, weil sich zählen lässt. In einer Gesellschaft, die sich an materiellem Eigentum stärker orientiert, als an der Umwelt in der diese Gesellschaft statt findet, scheint das normal. Geiz ist geil und Ökos sind unattraktive Träumer. Deshalb wird Weisheit in einer „Hier-und-Heute“-Gesellschaft nicht als mögliches Ziel, sondern als Mythos einer fantastischen Welt verstanden.

  7. David Ulrich sagt:

    Feine Debatte.
    – Ja, es gibt Wahrheit und Erkenntnisse, die wahr sind, also richtiges Wissen darstellen; d.h. es geht nicht um Meinungen (auch wenn Relativisten und manche Konstruktivisten
    das denken). Am deutlichsten ist das bei Technik: Wenn nicht auf richtigem Wissen aufgesetzt wird, fliegt das Flugzeug nicht, läuft die Software nicht… Wahrheit ist hier erkennbar am “Es funktioniert”. Was funktioniert ist aber noch lange nicht vernünftig, also richtiges Wissen auch im ethischen und rationalen Sinn. Atombomben funktionieren
    einwandfrei, richtiges Wissen wird hier nicht vernünftig eingesetzt. Wissen ist so nicht per se gut.

    – Ja, es gibt Meinungen. Wenn wirs nicht besser wissen. Das passiert, wenn Erkenntnis nicht eindeutig herzustellen ist. Annahmen regieren, empirische Hinweise fehlen (oder werden ignoriert). Wahrscheinlicher wird das bei komplexen Sachverhalten wie z.B. persönlichen Beziehungen, wie Lernen passiert, wie chem. Stoffe im Körper wirken oder wie ein Wirtschaftssystem arbeitet. Gerade soziale Gebilde sind schwierig zu untersuchen, da sie sich gern mal verändern. (Da freut man sich über Technik, die auf stabilen physikalischen Gesetzen beruht. Daher sind auch die Naturwissenschaften so erfolgreich im Gegensatz zu den Sozialwissenschaften, sie sind in dieser Hinsicht einfacher. Schlagt mich gern Ihr Ingenieure.) Manche Sachverhalte sind auch echt kompliziert, das erklärt
    z.B. das Hin- und Her-Wogen von Annahmen über das Funktionieren von Wirtschaftssystemen (Grade der Steuerung und Selbstregulierung).

    – Was als richtiges Wissen gilt, ist abhängig von Interessen und sozialer Anerkennung. Hat länger gedauert bis anerkannt wurde, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Es kann also als richtiges Wissen gelten, was falsch ist. Wer entscheidet das? Prozesse der sozialen Anerkennung und Konsensbildung. Manche Gruppen haben dabei mehr Einfluss als andere, z.B. auf die öffentliche Meinung aufgrund von Kapitalformen (sozial, monetär,
    kulturell). Oft verbunden mit Interessen. Daher auch Aufregung um Herrn Bender, Herrn Berlusconi oder Lobbys wie die Initiative soziale Marktwirtschaft.

    – Ausgangsfrage war, warum richtiges Wissen nicht genutzt wird:
    a. falsches Wissen ist sozial anerkannt, b. Interessen verhindern die Verbreitung und Nutzung, c. wir wissen nicht was richtig (und vernünftig) ist (Meinungsvielfalt entsteht), d. vorhandenes Wissen wird nicht individuell angeeignet und in Verhaltensänderungen umgesetzt (persönl. “aufwändig” zu lernen oder Routinen zu ändern, Wissen nicht zugänglich oder gammelt in Datenbanken etc.)
    Da gibt’s bestimmt noch mehr. Wisst Ihr noch weitere Antworten?

    Finds ziemlich gut, dass Eure Debatte zum Wissensmanagement auch richtiges Wissen, Ethik, seine rationale Seite und Horizont Gesamtgesellschaft mit einschließt. Das passiert sonst kaum. WM wird tatsächlich oft/meist für Optimierungen im kleinen Rahmen für Effizienz und Effektivität in Unternehmen eingesetzt.
    Aber da geht was – wenn auch z.T. im Kleinen: eins. Wissensmanagement mit Gegenstand
    Compliance soll die Verbreitung rechtlicher und ethischer Prinzipien in Unternehmen verbessern. zwei. Interpersonale Wissenstransfers versuchen in Führungswechseln Dialoge anzuregen, wie “gute Führung” aussieht und sie die persönliche Umsetzung der Führungsprinzipien bewerkstelligen. drei. Wissensmanagement mit Focus soziale und ökologische Nachhaltigkeit in Regionen unterstützt durch techn. Plattformen und Netzwerkbildung.

    Yup, WM kann und sollte richtiges Wissen zum Gegenstand haben, ethisch sein und über Unternehmen hinausgehen.

  8. Sara Schöneberg sagt:

    „2004 erstellt der Club of Rome eine Nachfolgestudie, in der rückblickend die Vorhersagen bestätigt werden. Gleichzeitig zeigt er auf, dass es für eine Wende zu einer nachhaltigen Lebensweise eigentlich schon zu spät ist. Selbst nach diesem erschreckenden Ergebnis werden in der Gesellschaft keine Änderungen diskutiert. … Wie kommt dieser Mechanismus zustande Wissen lange und vehement zu ignorieren, bis es dann (fast) zu spät ist?“

    Im Mikrokosmos von Mensch zu Mensch ist das genauso. Da braucht man gar nicht auf Konzernebene zu schauen. Es geht auch nicht um das Wissen an sich, sondern mehr um den Mensch und wie er funktioniert.

    1. Denn der Mensch ist Egoist, mehr oder weniger, meistens mehr. Jeder ist sich selbst der Nächste. (Und bis ich sterbe, habe ich wenigstens toll gelebt ;)) Hauptsache mir geht es besser als (genügend) anderen.

    2. Wer kann schon in die Zukunft schauen? Der eine Forscher sagt dies, der andere das. Das haben wir alles schonmal auch in anderen Bereichen gehört. Wem soll ich glauben / vertrauen? „Vertraue nur einer Statistik, die Du selbst gefälscht hast.“

    3. Die Gegenwart berührt mich mehr als die Zukunft. Ich sehe nur, was vor meinen Augen ist, aber nicht was, was in 5 Minuten passieren wird oder was 5 Kilometer weit weg ist – das angesprochene Thema „Grenzen des Wachstums“ ist für viele einfach zu schwer greifbar und komplex.

    4. Unangenehme Dinge verdrängt der Mensch ganz gern. Wie Holger Rhinow schon schreibt: „Wissen ist ja auch immer eine Art Zumutung. Zumutung für diejenigen, die sich mit dem Wissen anderer auseinandersetzen sollen.“ Meine Frage lautet: Mit wem oder was setze ich mich denn – wann & warum – auseinander?
    Erkenntnisse kosten Energie (je nach Vorwissen, Intelligenz und Qualität der Wissensquelle) und aus meiner persönlichen Erfahrung und Reflektion heraus sind die meisten nicht bereit eine energetische Investition zu tätigen, wenn z.B. der Erfolg nicht garantiert ist. Und wann ist ein Lernzuwachs individuell schon garantiert?

    5. Was kann ich allein denn schon ausrichten, alle anderen machen aber weiter so, da verliere ich ja nur, wieso soll ich damit anfangen … auch das ist nicht neu.

    Daraus folgt: Egoismus, Misstrauen, Themenkomplexität, Faulheit und mangelnden Sinn für Verantwortung können dazu führen, dass der Mensch Dinge zwar weiß, aber nicht handelt.

    Ach ja, und Politiker wollen wiedergewählt werden. Da muss man sich die Lobbyarbeit mal genauer anschauen, um zu verstehen, warum was gemacht wird.

    Was mir persönlich große Sorgen bereitet, sind die Nachrichtenmedien, die ja auch Wissen vermitteln sollen. Aber soll ich das Wissen nennen, was mir da serviert wird? Wo erhalte ich qualitativ gutes Wissen und zu welchem Preis?

  9. Ingo Frost sagt:

    @David: Danke für den guten Beitrag und die Antworten „Warum richtiges Wissen nicht genutzt wird“, sicher etwas was man ständig im Hinterkopf haben sollte..
    Auch die anderen drei Trends im WM finde ich interessant – vielleicht hast Du ja Lust, das eine oder andere Thema bei dem „Call for Papers zur Zukunft des WM“ vorzustellen?

  10. Ingo Frost sagt:

    @Sara – Ich glaube ganz so einfach ist es nicht. (1) Häufig maximiert man sein persönlichen Nutzen, indem man sozial handelt. In funktionierenden Gemeinschaften (hohes Sozialkapital) herrscht auch ein hohes Soziales Vertrauen („Ich verhalte mich sozial gegenüber Fremden, da ich davon ausgehe, dass andere sich mir gegenüber auch sozial verhalten“). (2) Teilweise sehe ich das auch so, da Massenmedien häufig Tatsachen so darstellen als würden sie kontrovers diskutiert, auf der anderen Seite stimmt natürlich auch (4), vielleicht sucht man sich auch die Meinung heraus, die einem selbst am angenehmsten sind. (3) Dieses Argument wird in der Nachhaltigkeitskommunikation auch immer wieder genannt: Ich selbst erlebe nicht die Folgen, da sie sich erst später zeigen – also handle ich nicht. Auch richtig ist, dass sich durchaus Verhaltensweise stabilisieren, die erst langfristig wirken (z.B. Wenn Eltern ihren Kindern etwas vererben, vgl. Generativität als Motivation)

  11. Meine Impulsbeiträge zu dieser interessanten Debatte:

    1.) *Zwischen dem Wissen und dem Handeln liegt das Meer* (Sprichwort)
    …und nicht jeder hat das Zeug zur Atlantiküberquerung. 😉

    2.) Ein Problem erkannt zu haben, heißt nicht, es auch lösen zu wollen.

    Auszug aus der Palette vielfältiger Ursachen:

    * fehlende/r Ernsthaftigkeit/Wille,
    * innere Widerstände, wie z. B. Prokrastination (Aufschieberitis) oder
    * Unsicherheit wegen unklarer Folgen eigenen Handelns,
    * mangelhafte Selbstdisziplin,
    * Nicht-Können aufgrund nicht vorhandener Kompetenzen,
    * …………….
    * …………….

    Wer hat weitere Ursache-Wirkungs-Ketten im Angebot?

  12. Ingo Frost sagt:

    @Guido – Schöner Vergleich, aber ist dann nicht Wissensmanagement auch teilweise ein “Boot zur Atlantiküberquerung” mit dem man die berühmt berüchtigten Felsen (2) umschiffen kann? Prinzipiell stehen dazu ja genug Methoden, Prozesse und Werkzeuge usw. bereit im Werkzeugkoffer des Wissensmanagements..

  13. @ Ingo Frost: Ja – durchaus im Sinne eines Werkzeugs vergleichbar…

    Aber ein Werkzeug in der Hand eines Könners wird andere Ergebnisse (Planungen, Produkte, Problemlösungen usw.) liefern, weshalb ich den Fokus weniger auf das Werkzeug als auf die Fähigkeiten und Absichten des Anwenders lenken möchte.

    *A fool with a tool is still a fool* – heißt es treffend im Englischen und daher nützt vielen der professionellste und vollste Werkzeugkoffer eben nicht wirklich weiter.

    …und auf dem Meer lauern noch ganz andere Herausforderungen als in Küstennähe bei der Umschiffung der Klippen und Felsen.

    Wohl dem, der darum weiß und sich und seine Ausrüstung entsprechend vorbereitet!

  14. birkenbihl sagt:

    was m.E. übersehen wird ist die ttsache, daß auch der mensch ein tier ist und als solches gelten auch für ihn gewisse neurophysiol. grundlagen,die wir bei tieren klar erkennen, bei uns aber leugnen möchte. so haben gehirn-scan-experimente klar gezeigt, daß das hergeben von bekanntem, vertrautem, eigenen mit realem SCHMERZ verbunden ist (durchblutung in dem bereich, der für schmerz-empfinden zusätndig ist), sowie, daß menschen die bekannte, vertaute situation, d.h. den status quo (auch wenn er schlimm ist und verbessert werden müßte) lieber wild verteidigen als sich dem neuen zu stellen. weiter beißt sich die katze in den schwanz, denn: je lernbereiter, desto ausgeprägter die neurogenese und neue nervenzellen sind für lernen unverzichtbar (vgl. meinen beitrag NEUROGENESE auf birkenbihl-denkt.com) aber auch umgekehrt: die lernresitenten haben zuwenige neue nervenzellen, können also das de-oder umlernen nicht managen. wir treten noch lange nicht in eine wissengesellschaft ein (wiewohl wir weiter darüber reden, denn lippenbekenntnisse sind vorboten der zukunft). genau so, wie wir noch lange kein echter homo sapiens und schon gar kein homo sapiens sapiens (offzielle bezeichnung) sind. zwar müssen wir uns diese hehren ziele immer wieder verbal bekräftigen, damit wir weiter auf sie zugehen können, aber es wird alles ein wenig länger dauern. es werden sich aber einzelne kleine inseln von leuten wie jejen, die solche seitenwie diese lesen bilden und sie werden die vorhut für die art von zukunft bilden, die wir uns vorstellen. desweiterenmüssen wir aufhören, unsere kinder, insbes. die aus bildungsferenen und bildungsfeindlichen familien, schulisch zu „versauen“ (sorry, ich kenne kein nettes wort), damit diese zukunft sich ereignen kann. übrigens finde ich es bes. schlimm, wenn eine physiker-kanzlerin den chinesen was über menschenrechte erzählen will, ohne sich um die folter (sitzenbeiben, mit 10-jahren aussortieren etc.) zu kümmern.
    vfb

  15. Niels Benson sagt:

    Menschen sind nur beschränkt rational und im Kontext der Informations- und Datenflut hängt die Anwendung von Wissen auch zunehmend von dem kompetenten Umgang mit Nicht-Wissen ab. Wir können uns unter dem Druck zeitnaher Entscheidungen (geforderte Handlung)nie einen kompletten Überblick über die Handlungsalternativen (Anwendung von Wissen) verschaffen…

  16. Ingo Frost sagt:

    @Niels Guter Hinweis: Das habe ich auch schon häufiger in der Praxis beobachtet: Einzelne in Gruppendiskussionen, die trotz ihres Nicht-Wissens sich aufgrund ihrer Stellung (bzw. Machtposition) durchsetzen können und nicht das Wissen einzelner Experten akzeptieren.
    Der andere Aspekt ist noch spannender: Wissen über ein Problem erfordert auch immer Handlungsalternativen, auch das liefert ja Wissensmanagement bereits, wenn man sich den Aufbau klassischer Lessons Learnt in Erinnerung ruft (Thema, Hintergrund, Lösung, Handlungsempfehlung) – aber reicht das aus?

  17. Ingo Frost sagt:

    via @Holger – CommonGround (http://www.commongroundpublishing.com/) scheint einen interessanten Ansatz zu haben, wie man alternativ mit Wissen umgehen kann, publiziert aber leider nicht offen:

    „Heritage knowledge systems are characterised by vertical separations—of discipline, professional association, institution and country. Common Ground takes some of the pivotal ideas and challenges of our time and builds knowledge communities which cut horizontally across legacy knowledge structures. Sustainability, diversity, learning, the future of the humanities, the nature of interdisciplinarity, the place of the arts in society, technology’s connections with knowledge, the changing role of the university—these are deeply important questions of our time which require interdisciplinary thinking, global conversations and cross-institutional intellectual collaborations.“

  18. […] dazu  auch unsere Kolumne Vom Wissen zur Weisheit: Das große […]

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