Wissen.Gewissen.Nichtwissen.Ethik – Wie viel Wissen benötigen wir?

Eine Kolumne des Veranstalterteams der Bayreuther Dialoge

47 Prozent der Deutschen sähen Heidi Klum gerne als Familienministerin. Viele der sogenannten „Gebildeten“ werden fragen: „Wer, bitte schön, ist Heidi Klum?“

Erinnern wir uns an Paul Kirchhof, den Heidelberger Professor, der im Wahlkampf 2005 als Finanzminister-Kandidat einer CDU-geführten Bundesregierung galt. Aber man verspottete ihn öffentlichkeitswirksam als „diesen Professor aus Heidelberg“, und die CDU sah bald ein, dass mit Intellektuellen eine Wahl nicht leicht zu gewinnen sei.

Wie können wir – beide Personen als Metaphern genommen – nachweisen, dass Bildung sich lohnt?

Ist Investition in Bildung aus individueller und aus volkswirtschaftlicher oder unternehmerischer Sicht Liebhaberei, Reminiszenz an ein veraltetes Ideal? Ist sie für Unternehmen notwendig? Womöglich würde ein Unternehmer sagen, es komme auf die Ebene seines Unternehmens an. Bildung sei auf den unteren Ebenen Privatsache und für den Betrieb unnötig oder sogar schädlich, weil subversiv, auf Führungsebenen aber schwer verzichtbar.

Wie verhält sich „Bildung“ zum partiellen Fach- und Einzelwissen?

Ein berühmter Bayreuther sagte: „Wer nur sein Fach kenne und sonst gar nichts, der ist auch in seinem Fach ein Esel.“ Dieser Bayreuther war Jean Paul. Verfügt also, wer nur abgezirkeltes spezifisches Wissen vorzuweisen hat, letztlich über gar kein Wissen? Charles Percy Snow, ein englischer Schriftsteller, hat in den 1950er Jahren von den „zwei Kulturen“ gesprochen, der Welt der Naturwissenschaftler und Techniker und der Welt der Intellektuellen und Gebildeten. Die Intellektuellen und Gebildeten waren für Snow unwissend und unnötig, schließlich könnten sie nicht einmal erklären, wie ein Radio funktioniere.

Nehmen wir noch den legendären Bauern hinzu, der die „Kritik der reinen Vernunft“ liest und sagt, solche Sorgen hätte er gerne, so haben wir eine Menge von Funktionsbestimmungen der Bildung ebenso beieinander wie die wechselseitigen Denunziationen. Bildung als Notwendigkeit für international agierendes Management und den Kant lesenden Bildungsbanausen; die Untauglichkeit des „Professors“ für den Wahlkampf; den gebildeten Intellektuellen, der ratlos vor dem Radio steht, schließlich den „Esel“ oder „Fachidioten“.

Wie verhalten sich Bildung und Ausbildung zueinander, wie Fachwissen und Zusammenhangswissen, wie Wissen, Unwissen und Halbwissen? Wie werden Wissen und Bildung medial vermittelt?

Damit ist schon ein Bereich für das Thema der diesjährigen Bayreuther Dialoge, des Symposiums der Studenten von „Philosophy & Economics“,  abgesteckt. Das Thema lautet:

„Wissen – Gewissen – Nichtwissen“.

Die Veranstalter wollen über die „Wissensgesellschaft“ bzw. „Wissenschaftsgesellschaft“ diskutieren, in der wir angeblich bereits leben und verstärkt leben sollen sowie über den Umgang mit Wissen in Unternehmen.

Können wir vom Wissen zum Wert gelangen und wäre bloßes instrumentelles Wissen ohnehin wertblind?

Denn wollen wir Wissen und Bildung aus der Perspektive einer einseitigen Ökonomie betrachten, verzettelten wir uns in kleinteilige Soll-und-Haben-Debatten.

Alle angesprochenen Fragen würden für mehrere „Bayreuther Dialoge“ reichen. Die Bayreuther Dialoge stellen Referate, Podiumsdiskussionen und Workshops vor, worin die genannten Aspekte versuchsweise ausgelotet werden sollen und darüber hinaus etwa zu reflektieren wäre, ob man Wissen messen kann und wie man in Zeiten der Informationsflut, sozusagen der Tsunami-Phase von Wissen, zwischen nützlichem Wissen und Wissensmüll trennt. Um den Gedanken der Mülltrennung fortzuspinnen: Welches Wissen gehört in die Tonne und welches nicht?

Wissen – Ethik – Gewissen

Dass Wissen nicht ohne Gewissen sein könne, ist Wesensbestandteil einschlägiger Sonntagsreden; dass Wissen ohne Gewissen sein könne, Wesensbestandteil einschlägiger Empirie.

Jeder von den Studierenden des Faches “Philosophy and Economics“ an der Universität Bayreuth dürfte in seiner Bewerbung für diesen Studiengang hervorgehoben haben, dass “Philosophy“ eine notwendige Ergänzung von “Economics“ sei. Einmal, weil Philosophie und Logik für begriffliche Klarheit bei den Entscheidern sorgen würden, sodann, weil “Economics“ und wir als spätere Ökonomen philosophisch bewandert sein müssen, wenn Entscheidungen mittlerer oder größerer Reichweite zu treffen seien.

Welche Rolle spielt die Wissensmaschine Internet?

Es ist unmöglich, über die moderne Wissensgesellschaft ohne die revolutionäre Modernisierung der Distribution von Wissen zu reden: Computer und Internet.

Wer nun abschätzen will, welche Zusammenhänge zwischen Wissen und ethischem Umgang mit ihm bestehen, schaue sich  fast drei wichtige Internetplattformen an: WikipediaWikileaks und Facebook. Wikipedia verteilt Wissen als von Individuen generiertes Schwarmwissen und kollektive Intelligenz an andere Individuen, an Schulen, an Universitäten, an die Politik und auch an Unternehmen; über sein Projekt Wikileaks verbreiten der Computerspezialist und einstige Philosophiestudent Julian Assange und seine Helfer subversives Wissen, das ganze Staaten und  – wie angekündigt –  Großunternehmen gefährlich werden und sie in ihren Fundamenten erschüttern soll; Facebook steht für allumfassende Vernetzung mit Elementen wie harmloser Kommunikation, Denunziation und Subversion, mit Spaß, aber auch vieler dunkler Seiten.

Nichtwissen versus alles wissen

Wie wäre das – alles wissen zu können? „Mit Eifer hab’ ich mich der Studien beflissen / „Zwar weiß ich viel, doch möcht’ ich alles wissen.“ Diesen beschäftigte auch Faust.

Die Frage des Nichtwissens wird ein weiterer Tagesordnungspunkt der Bayreuther Dialoge sein müssen. Was geschieht mit denen, die in der Wissensgesellschaft nichts wissen, an denen die Revolution der Wissensverteilung aus unterschiedlichen Gründen vorübergangen ist?

Wer sich in dieser Situation befindet, ist auf eine Weise gnadenlos aus der Zeit geworfen, für die es in der Geschichte der Systeminnovationen kein Beispiel gibt. Aber Nichtwissen ist nicht allein als Ausgrenzung zu beklagen, da es auch eine Ethik des Nichtwissens gibt. Ein Unternehmen darf nicht so gläsern sein, dass ihm im Wege netzgestützter Spionage Wissen gestohlen wird. Die Mitarbeiter dürfen für den Unternehmer oder die Patienten für Gesundheits- oder Versicherungsbürokratie ebenfalls nicht gläsern sein. Soll ein Individuum, das einer sogenannten „Krebsfamilie“ entstammt, wissen, in welchem Jahr es in jene bessere Welt gehen wird?

Wir laden Sie zur Diskussion ein – schon hier oder auf den Bayreuther Dialogen 2011.

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One Response to “Wissen.Gewissen.Nichtwissen.Ethik – Wie viel Wissen benötigen wir?”

  1. Ingo Frost sagt:

    Interessant, hier wird Nichtwissen nochmal anders definiert, als z.B. in dem Artikel:

    Nichtwissen als möglicher Erfolgsfaktor in Organisationen
    von Ljuba Natsikos, Bernard Richter
    http://www.community-of-knowledge.de/beitrag/nichtwissen-als-moeglicher-erfolgsfaktor-in-organisationen/

    „Eine Unterscheidung der Arten des Nichtwissens kann zunächst nach Zeuch fachlich, operativ und strategisch vorgenommen werden. Das fachliche Nichtwissen beschreibt dabei ein Nichtwissen in einem Fachgebiet. Das strategische Nichtwissen ist zukunftsbasiert und bezieht sich auf unternehmerische Entscheidungen, die bspw. unter unbestimmter und ungewisser Entwicklung des Marktes getroffen werden. Das operative Nichtwissen ist das Nichtwissen über Verhaltensweisen und Begebenheiten, die außerhalb des individuellen Beobachtungsrahmens liegen (Zeuch 2007, S. 102-103). Weiterhin kann das Nichtwissen in bewusster oder unbewusster Form vorliegen. Die Intentionalität des Nichtwissens stellt eine weitere Unterscheidungsdimension des Nichtwissens dar, hierbei wird zwischen dem intendierten Nichtwissen – Nichtwissen-Wollen – und dem nichtintendierten Nichtwissen – Nichtwissen-Können – differenziert (Wehling 2006, S. 127-131). „

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